Die bulgarische Literatur
Gunnar Hille, Berlin
Die bulgarische Literatur kann auf eine lange und wechselhafte Geschichte zurück schauen. Um ihre wichtigen Beitrag für die kulturelle Entwicklung Europas zu ermessen, muss man nicht bis zu Orpheus, dem legendären thrakischen Köngissohn, zurück gehen, der in den Rhodopenwäldern mit seinen Gesängen die Umgebung verzaubert und so der Überlieferung nach auf späterem bulgarischen Boden die abendländische "Lyrik" begründet hatte (benannt nach seinem Spiel auf der Leier). Es genügt allein die Betrachtung des über tausendjährigen bulgarischen Schrifttums, das schon früh Gipfelleistungen hervorbrachte, aber auch lange politisch bedingte Flauten erleben musste. Eine angemessene Würdigung der überaus reichen Literatur Bulgariens steht zumindest im "alten Europa" noch immer aus.
Bereits im frühen 10. Jahrhundert erreichten christlich geprägte Werke in der altbulgarischen (altkirchenslavischen) Sprache eine bemerkenswerte Blüte. Das Altbulgarische war zuvor von den Brüdern Kyrill und Methodius für die bulgarischen Christen als dritte Sakralsprache nach Griechisch und Latein schriftlich fixiert worden. Die spirituellen Leistungen der altbulgarischen Schriften wirkten von Bulgarien aus auf die Nachbarländer und die Kiever Rus’, die Wiege des heutigen Russland, die über 100 Jahre später ebenfalls das Christentum annahm und dabei das geistliche Gedankengut nicht von den Griechen, sondern von den Bulgaren in der altbulgarischen Form übernehmen konnten. Im mittelalterlichen Bulgarien waren es zudem mystische christliche Bewegungen, v.a. aber auch die manichäischen Bogumilen, die durch Wort und Schrift einen Einfluss auf die gesamte Balkanregion bis nach Westeuropa ausübten, der teilweise bis heute wirksam ist.
Ab Ende des 14. Jahrhunderts kam das ehemals so reiche kulturelle Leben unter der moslemischen Herrschaft fast gänzlich zum Erliegen. Die Klöster im einstigen bulgarischen Großreich bewahrten und schützten zu unserem Glück die alten Werke. Während der dunklen Jahrhunderte der Unterdrückung entstanden nur wenige neue Texte in schriftlicher Form, lediglich die mündlich tradierte Volkskultur hielt in Liedern und Legenden die ruhmreiche Vergangenheit und das schwere Los der geknechteten Bevölkerung fest.
Erst durch die 1762 handschriftlich verbreitete "Istorija Slavjanobolgarskaja" (Slawisch-bulgarische Geschichte) des bulgarischen Athos-Mönchs Paisij vom Kloster Chilendar bekamen die bulgarische Kultur und ihr Schrifttum einen neuen, mächtigen Impuls, der in den Bulgaren das Gefühl für die eigene Sprache, Vergangenheit und nationale Würde wieder erweckte. Die "Wiedergeburt" der bulgarischen Nationalkultur hatte begonnen, in zeitlicher Parallele zur Aufklärung in Westeuropa.
Bis 1878, der Befreiung Bulgariens von der Osmanenherrschaft, wurde in der Nachfolge Paisijs eine neubulgarische Literatursprache entwickelt, mit deren Hilfe in Schulbüchern, einfachen Prosawerken und auf der Bühne das Wissen über die Größe der bulgarischen Geschichte und damit Selbstvertrauen für die Gegenwart vermittelt wurde. Bulgarische Gelehrte und Schriftsteller, die zumeist der Tradition der griechisch geprägten christlichen Orthodoxie entstammten, sahen es nun als ihre Pflicht an, die geistig-moralisch-patriotische Erbauung des bulgarischen Volkes zu betreiben. Der Dienst an Volk und Nation stand fast das gesamte 19. Jahrhundert im Zentrum der kulturellen und literarischen Tätigkeit der Wiedergeburts-Epoche.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine am russischen Realismus geschulte bodenständige Literatur, die mit den Namen der großen Dichter-Revolutionäre Christo Botev und Ljuben Karavelov, aber v.a. auch dem bulgarischen Klassiker Ivan Vazov verbunden ist. Doch entstand bald darauf in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auch eine der Ästhetik des deutschen Idealismus zugewandte literarische Strömung um die Zeitschrift "Misal" (Gedanke) und den Dichter Pentscho Slavejkov, die für die Literatur jenseits von Alltag und politischer Tendenzen einen autonomen Platz einforderte. Slavejkov und seine Mitstreiter im Kreise von "Misal" strebten die Höhen des Geistes als Gegenpol zur Rohheit und Plattheit des Alltags an. Der Autor und allen voran der Lyriker war nicht mehr der nationalpädagogische Akteur, sondern man setzte diesem die individuelle Freiheit im Namen der Ästhetik entgegen. Die literarische Moderne, die nach der Jahrhundertwende v.a. vom Symbolismus geprägt war, hatte auch auf bulgarischem Boden Fuß gefasst. Pentscho Slaveijkov, später Pejo Javorov, Dimtscho Debeljanov, Nikolaj Liliev, Teodor Trajanov und zahlreiche andere Dichter vermochten es, nach langen Jahrhunderten der Knechtschaft und des Stillstands der bulgarischen Literatur mit ihren lyrischen Werken thematisch wie qualitativ den Anschluss an Westeuropa und Russland zu vollziehen.
Die Europäisierung der bulgarischen Literatur war vollendet, ihre Hinwendung (nicht ihre Unterwerfung) und das Gleichziehen mit russischen und westeuropäischen Spitzenleistungen prägten die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Bulgarische Autoren v.a. in der Lyrik, aber auch in Prosa und Dramatik, leisteten mit eigenen Motiven, Stoffen und Stilbesonderheiten einen originellen Beitrag zur europäischen Literatur. Direkte Kontakte zum Ausland nahmen weiter zu, Ausdrucksformen vergangener europäischer Epochen, die durch die Türkenherrschaft in Bulgarien versäumt worden waren, wurden entdeckt und zitathaft in bulgarischen Werken nachvollzogen.
Autoren wie Pentscho Slavejkov, Pejo Javorov und Atanas Daltschev hätten sicherlich ihren verdienten Platz in der Weltliteratur gefunden, wären ihre v.a. lyrischen Werke in deutscher, russischer oder englischer Sprache entstanden. So musste die Vermittlung über naturgemäß unzureichende Übersetzungen erfolgen, die das Erkennen der großen Leistung ihrer Schöpfungen erschwert oder gar unmöglich macht.
In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte sich neben den beiden Traditionslinien des ruralen Realismus und des Symbolismus eine sozialistisch orientierte Literatur durch, die sich eng an sowjetische Tendenzen anlehnte. Nach der Machtergreifung der sozialistischen "Volksfront" 1944 waren zunächst noch alle Tendenzen in der Literatur wie im öffentlichen Leben zugelassen, doch erfolgte unter der Alleinherrschaft der KP des Landes ab 1948 die "Verstaatlichung" der Literatur mit stalinistischen Mitteln. Bis 1989 war die offizielle Literaturpolitik mit dem Dogma des geradezu schwachsinnigen "Sozialistischen Realismus" maßgeblich für die literarische Produktion, wobei man sich stark an der Entwicklung in der UdSSR mit analogen Tauwetter-Perioden und Vereisungen orientierte. Literarhistorisch gesehen waren die Preisgabe des so mühsam erlangten Gleichstandes mit der europäischen Literaturentwicklung und der fehlende Austausch mit nichtsozialistischen Literaturen die schwerstwiegenden Folgen der sozialistischen Periode. Hart betroffen von diesen Restriktionen waren v.a. die talentierten zeitgenössischen Autoren, die nach wie vor den Referenzrahmen von Tradition und Gegenwart der gesamteuropäischen Literatur vor Augen hatten, jedoch sozialistisch-realistisch schreiben mussten, wollten sie überhaupt verlegt werden. Im Ausloten der kulturpolitisch zugelassenen Abeiweichungen vom staatlichen Dogma entstanden jdoch auch hervorragende Werke in allen Gattungen: in der Prosa durch Autoren wie Dimiter Dimov, Emiljan Stanev, Jordan Raditschkov, Ivajlo Petrov, Blaga Dimitrova; in der Lyrik durch Atanas Daltschev, Alexander Gerov, Valeri Petrov, Nevena Stefanova, Radoj Ralin u.a., im Drama durch Valeri Petrov, Ivan Radoev, Konstantin Iliev und Stefan Zanev.
Insgesamt galt: diejenigen Autoren, die veröffentlicht werden wollten, hatten sich dem Diktat der BKP zu beugen, das über den Schriftstellerverband administrativ durchgesetzt wurde. Zwar kam es in den 70er Jahren allmählich zu einer Auflockerung der starren sozialistischen Kunst-Doktrin, die erneut persönlich-individuellen Themenn in den literarischen Werken zuließ, doch konnten hochtalentierte Dichter wie Nikolaj Kantschev und Konstantin Pavlov nach erfolgreichen Debuts in den frühen 60ern bis zur Wende nicht mehr publizieren. Sie wurden - leider auch von vielen nichtbulgarischen Literaturwissenschaftlern - erst nach 1989 neu entdeckt. Andere talentierte und zunächst kritische Dichter wie Georgi Dschagarov und Ljubomir Levtschev wurden vom Regime durch einflussreiche Posten auf Linie gebracht, konnten danach allerdings auch keine gültigen Werke mehr hervorbringen.
Aber selbst im westlichen Ausland wurden in der sozialistischen Periode fast nur Werke der kanonisierten bulgarischen Schriftsteller wahrgenommen, denn es gab in Bulgarien keinen nennenswerten "Samizdat" (illegal weitergegebene Literatur regimekritischer Autoren) und im Ausland keinen echten Resonanzboden für kritische bulgarische Werke, ganz im Gegensatz zu russischsprachiger "Dissidenten-Literatur".
Die politische Wende von 1989 bedeutete ermöglichte den Autorfen erneut die schöpferische Freiheit. Diese Freiheit hat einerseits viele neue Tendenzen, Spielarten, Motive sowie wichtige sprachliche Experimente, andererseits jedoch auch viel Kitsch und Schund hervorgebracht. Das Pendel schlug von totaler Restriktion in die Gegenrichtung aus bis hin zu anarchischem "Alles ist erlaubt". Aber nicht nur die totale Kontrolle und Gängelung war entfallen, auch die Produktions- und Vertriebsstrukturen (und damit sehr viel Sicherheit für etablierte Autoren, einschließlich finanzieller Versorgung) gab es nicht mehr. Erst allmählich fanden neue Autoren ihren Weg, andere setzten ihre Arbeit unter neuen Vorzeichen fort. Ab 1990 konnte auch eine Neubewertung der Literaturgeschichte erfolgen, ebenso wie die Re-Integration früher ausgregenzter Autoren wie Konstantin Pavlov und Nikolai Kantschev.
Die bulgarische Literatur ist inhaltlich wie qualitativ wieder auf gesamteuropäischem Standard angekommen. Leider ist jedoch die Kenntnis ihrer Werke in Westeuropa noch immer ungenügend. Unmittelbar vor dem Beitritt Bulgariens zur Europäischen Union ist es an der Zeit, die Bücher von Klassikern wie Ivan Vazov, Jordan Jovkov, Peoa Javorov, Atanas Daltschev und von zahlreichen zeitgenössischen Autoren in Deutschland und ganz Westeuropa endlich zu entdecken. Der bulgarische Beitrag zur gesamteuropäischen Literatur ist jedenfalls deutlich größer als die geringe Zahl der hier verlegten Werke aus Bulgarien vermuten lässt.