Mysteriöse Selbstmorde erschüttern Bulgariens innenpolitische Szene
Nach dem Überfall auf einen
regierungskritischen Journalisten haben nun zwei mysteriöse Selbstmorde von Prominenten
die innenpolitische Szene in Bulgarien erschüttert.
Bulgariens führender Gerichtsmediziner,
Stoitscho Radanov, wurde mitten auf einem Spielplatz erhängt aufgefunden. Radanov
hatte zuvor die Obduktionen in zwei brisanten Todesfällen durchgeführt und die
offiziellen Ergebnisse der Ermittlungen in Frage gestellt. Am Nachmittag
desselben Tages wurde die Leiche von Ahmed Emin entdeckt. Er war Kabinettschef
von Ahmed Dogan, Parteichef der bulgarischen Türkenpartei, DPS. Emin wurde in
Dogans luxuriösem Anwesen in Boyana, im Volksmund als Dogans Serail bekannt,
erschossen aufgefunden. In beiden Fällen trat das Innenministerium innerhalb weniger
Stunden mit dem Befund „Selbstmord“ an die Öffentlichkeit und weckte so Zweifel
an den offiziellen Aussagen. „Sie haben ihn erschossen“, meinte auch Ahmed Emins Vater
und schloss einen Selbstmord seines 46 Jahre alten Sohnes aus.
Emin, gläubiger
Moslem und Vater von drei Kindern, arbeitete für Dogan seit 2001. Dass Dogan bei
der Beisetzung von Emin in seinem Geburtsort fehlte, ließ neue Gerüchte in der
Öffentlichkeit aufflammen. Hinzu kamen widersprüchliche Angaben über einen Abschiedsbrief.
Offiziell hieß es zunächst, es sei keiner entdeckt worden, nach zwei Tagen
tauchte jedoch noch einer auf.
Medien erinnerten
daran, dass Emin bereits vor zwei Jahren ins Blickfeld der Öffentlichkeit
geraten war, als die Wochenzeitung „168 Tschassa“ ein Dokument veröffentlichte, das seine
Unterschrift trug. Darin hieß es, Dogans Partei habe ihre Kontrahentin, die
minderheitenfeindliche Partei Ataka, im Wahlkampf 2005 mit 800.000 Euro unterstützt.
Eine von der Staatsanwaltschaft eingeleitete Prüfung brachte bis heute keine Klarheit.
Dogan, dessen „rechte
Hand“ Emin war, gilt als einer der einflussreichsten Politiker in Bulgarien. Nach
den Parlamentswahlen 2005 konnte die regierende Koalition nur mit seinem Auftrag
zur Regierungsbildung zustande kommen. Nach den letzten Wahlen sorgte Dogan mit
einigen Äußerungen für Aufsehen: So bekannte er sich zu mehreren, seine Partei
umgebenden „Ringen aus Firmen“ und bezeichnete den Kauf von Wählerstimmen als
eine „in Europa übliche Erscheinung“. Da Dogan immer wieder mit seinem
auffälligen Lebensstandard für Schlagzeilen sorgt, forderten vor einigen
Monaten Opositionspolitiker
eine behördliche Überprüfung seiner Vermögensverhältnisse sowie die
Durchleuchtung der Finanzierung seiner Partei. Mittlerweile halten
Oppositionspolitiker auch einen Zusammenhang zwischen Emins Tod und den
jüngsten Problemen in der im Frühjahr als Korruptionsbekämpfungsorgan gegründeten
„Staatlichen Agentur für Nationale Sicherheit“ (DANS) für möglich. Vor kurzem
musste der stellvertretende DANS-Direktor, Ivan Draschkov, seinen Posten räumen.
Laut Oppositionspolitikern soll er Ermittlungen zu „schwarzen Kassen“ der
Partei von Dogan unterbunden haben.
In einem Interview für die Tageszeitung Trud hat sich Dogan zum ersten Mal nach dem Tod seines Kabinettschefs geäußert. Er bestritt die Rolle von Emin als seine „rechte Hand“. Er sei nur „eine männliche Sekretärin“ gewesen. Das Ganze sei ein schreckliches Szenario mit dem Ziel, seiner Partei und ihm zu schaden und den ethnischen Frieden im Lande zu gefährden. Zu seinem Lebensstil sagt Dogan, er hätte nur ein Leben, darum würde er sich nicht nur eine Yacht, sondern auch eine fliegende Untertasse kaufen, wenn er sich das nur leisten könnte.